Wirges im Mai 1984

Am 30. Mai 1884 wurde die Eisenbahnstrecke von Staffel über Montabaur und Siershahn nach Altenkirchen eröffnet. So kam das neue Verkehrsmittel auch nach Wirges. Festlichkeiten gab es dazu in Ransbach und Montabaur

Wenige Jahre später ließ sich die Fabrik für feuer- und säurefeste Produkte aus Vallendar gegenüber des Bahnhofes nieder und erbaute große Fabrikanlagen für die Herstellung von Schamottesteinen und Glasflaschen. Die Glasfabrik später Siemens-Glas, Westerwald AG, Oberland Glas, St. Gobain, gibt es nach wechselvoller Geschichte heute noch mit Namen Verallia!

Der Bahnhof diente dem Personenverkehr und Güterverladung.

Am Weg zwischen Bahngelände und Glasfabrik entstanden zwei große Seitenrampen für die Tonverladung. Im Gebiet zwischen Ebernhahn, Siershahn und Wirges gab es viele Tongruben die im Tagebau betrieben wurden. Der Ton wurde mit Fuhrwerken später Feldbahnen und Lastwagen zum Bahnhof gebracht. Auch in Siershahn wurde Ton in Güterwagen verladen.

Am Güterschuppen Wirges kamen Waren an und wurden hier zur Bahn gebracht.

Im Empfang wurden Baustoffe, Kohlen, Landwirtschaftliche Produkte, Eis, Haushaltswaren uvm.

Im Versand keramische Produkte der heimischen Betriebe, Vieh, Holz, Hopfen uvm.

Der Bahnhof war 4 Gleisig mit 3 Abstellgleisen. Gleis 1 und 2 besaßen Bahnsteige für den Personenverkehr. An Gleis 4 befanden sich die seitlichen Laderampen für Tonverladung und eine Gleiswaage. Zudem erbaute die Firma Westen & Co eine Verladerampe für Ton unweit der 2 Laderampen. Ein Stumpfgleis führte entlang der langen Ladestraße und endete am Güterschuppen.

Die Glasfabrik hatte einen eigenen Gleisanschluß und Dampflokomotive für den Versand und Empfang von Rohstoffen und fertigen Produkten. In den Werksanlagen gab es ab 1913 eine elektrische Feldbahn die bis etwa 1945 in Betrieb war, danach waren kleine Feldbahn-Diesellokomotiven bis 1970 im Einsatz.

Jahrzehnte war die Eisenbahn das einzige Verkehrsmittel für die Westerwälder. Die Arbeiter der Glasfabrik und heimischer Betriebe kamen morgens aus umliegenden Orten mit dem Zug hierhin und fuhren Abends wieder nach Hause.

1971 gab es in der Westerwald AG noch 1100 Beschäftigte, deren überwiegende Anzahl noch mit der Bahn zur Arbeit kam.

Dampflokomotiven beförderten Personen- und Güterzüge. Anfang der 50er Jahre kamen die ersten Schienenomnibusse „der rote Brummer“ auf die Westerwaldstrecken. Dampflokomotiven waren nur noch im Güterdienst zu sehen. 

In den 60er Jahren weitete sich der Individualverkehr mehr und mehr aus. Straßen-Omnibusse nahmen der Eisenbahn die Passagiere ab, denn die hatten bessere Haltestellen in den Orten, wenn der Bahnhof abseits lag. Zudem war die Bevölkerung mehr und mehr Motorisiert mit Pkw, Motorrad und Moped. Die Bahn reagierte darauf mit Streichung der Verbindungen bis hin zur Einstellung der Strecken.

Abbildungen vom Bahnhof gibt es auf Ansichtskarten. Ab den 60er Jahren fanden Fotografen hin und wieder den Weg in den Westerwald. Meine Motive sind ab 1984 zu finden bis 2016. 

Weichen und Flügel-Signale wurden vom Stellwerk mittels Hebelmechanik und Zugdrähten gesteuert. Eine Schrankenanlage wie in Montabaur oder Siershahn gab es nicht. Einfahrsignale gab es aus Richtung Siershahn und Montabaur.

Für ca vier Jahre gab es im Bahnhof 4 Flügel-Ausfahrsignale die vom Stellwerk betätigt wurden. 1982 verschwanden diese wieder und der Bahnhof wurde für Reisende geschlossen. Zeitgleich wurden zwei Bahnhofsgleise entfernt und die Tonverladung an der Seitenrampe eingestellt.

Damit verlor der Bahnhof auch seine Eigenschaft der Übersetzanlage für den Culemeyer Strassenroller, den es sonst noch in Höhr-Grenzhausen oder am Rhein gab. Das Gefährt mit Starker Zugmaschine FAUN war am Bahnhof Ransbach Stationiert. Damit konnten einzelne Güterwagen zu Firmen ohne Gleisanschluß gebracht werden, dort beladen und wieder abgeholt zum Bahnhof mit dieser Aufsetzanlage und von dort an seinen Bestimmungsort versandt werden.

Allerdings war das Teuer und Zeitaufwendig, die Meisten Produktionsstätten stellten sich auf LKW Transport um.

Für die verbliebenen Fahrgäste wurde eine kleine überdachte Wartebude aufgestellt und mit den gültigen Fahrplänen ausgestattet. Fahrkarrten mußten im Zug gelöst werden. Fahrkarten-Automaten gab es in Siershahn oder Montabaur.-Einen Teil des Schülerverkehrs wurde noch mit dem Schienenbus oder dem Speichertriebwagen abgewickelt aber auch mit dem Omnibus konnten Schüler zu den Realsschulen und Gymnasium nach Montabaur fahren. 1984 findet sich folgende Meldung in der Presse:

Die Deutsche Bundesbahn beabsichtigt, das Empfangsgebäude Wirges mit Güterhalle und ca 1930m² Umland gegen höchstgebot zu veräußern. Der Mindestkaufpreis beträgt 260.000 DM. Bestehende Vertragsverhältnisse müssen übernommen werden. Schriftliche Anträge mit Preisangebot bitten wir bis spätestens 15.5.1984 an die Bundesbahndirektion Köln, Postfach 100206, 5000 Köln1 – Az.: 17a R5 Le Wirges 3 – zu richten. Es brauchte weitere Auktionen um einen Käufer zu finden. Im September 1985 bekam das Empfangsgebäude einen neuen Besitzer mit dem Eigentümer der Gastwirtschaft für 100.000 DM

In den folgenden Jahren kam in die ehemalige Gastwirtschaft eine Pizzeria. Diverse Restaurationen wechselten sich ab. Sehr bekannt das Türkische X 1. Nach weiterem Besitzerwechsel wurde das Restaurant mit Anbauten vergrößert.

Oben ca 1910 - Unten ca 1915
Unten Tonverladung
 
Bahnhof im Winter 1986/87
zurück